Partnerschulen begegnen Autoren aus Deutschland
(© Copyright Dieter Jaeschke)
Ein Gespräch mit Doris Dörrie, Dichten mit dem Slam-Poeten Bas Böttcher, Lesung und „Russendisko“ mit Wladimir Kaminer: „Dieser Workshop war ein einziger Adrenalinstoß“. Ricardo Esquivel vom Campus Cuernavaca der Schweizerschule Mexiko klingt, als sei er außer Atem. Hinter ihm und 36 anderen Deutschlernern im Alter zwischen 15 und 17 Jahren der deutschen Partnerschulen in Mexiko liegen drei erlebnisreiche Tage: Im Rahmen des dritten großen PASCH-Projektes in Mexiko haben sie auf der „Internationalen Buchmesse Guadalajara“ (FIL) Autoren und eine bekannte Regisseurin befragt und in nur vier Workshop-Blöcken eine eigene „Poetry-Slam“-Produktion entwickelt.
„Oh Meer, oh Meer, ich mag dich so sehr. Wenn wir an deiner Küste sind, ist der Wind…“ – „Voll frisch!“ – „Du musst aber frischhhh sagen, nur so wird der Text zur Show.“ In ihrer Kleingruppe denken Karla, Erick, Luis und Maria intensiv über die Wirkung von Worten nach – so, wie es der Berliner Autor Bas Böttcher gerade in seiner Einführung vermittelt hat. „Beim Poetry-Slam geht es darum, mit der Macht der Worte zu spielen. Wichtig ist das freie Assoziieren, um den Filter der Realität im Gehirn etwas auszuhebeln.“ Gespannt haben die Jugendlichen zugehört, nun wollen sie eigene Reime texten, um „Ideen, Show und Text“ zu einem ästhetischen Gleichklang zu bringen. „Die Aufgabe ist schon eine Herausforderung, denn die jungen Leute kommen von allen drei Partnerschultypen in Mexiko“, sagt Dieter Jaeschke, Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA). „Jugendliche, die auf öffentlichen mexikanischen Schulen gerade erst mit dem Deutschlernen begonnen haben, haben wir bewusst mit Schülern der Deutschen Auslands- und Sprachdiplomschulen in den Gruppen gemischt“, ergänzt Diana Petermann, Expertin für Unterricht des Goethe-Institutes Mexiko. Denn darum geht es bei dem Projekt, das Petermann gemeinsam mit ihrem Kollegen von der ZfA organisiert hat: dass junge Mexikaner nicht nur Sprache erkunden und kreativ erproben, sondern auch ihre durchaus unterschiedliche soziale Herkunft überwinden und sich kennenlernen, austauschen. „Im Idealfall erwachsen hier ein paar neue Freundschaften“, hofft Dieter Jaeschke.
Im Mehrzweckraum der Deutschen Schule Guadalajara, die den PASCH-Workshop beherbergt, sieht es ganz danach aus: Durch die euphorische Moderation des Slam-Poeten Böttcher scheint es schon nach kurzer Zeit so, als würden sich die Jugendlichen schon länger kennen. Am Vortag waren sie aus vielen Orten Mexikos angereist, aus der Hauptstadt, aus Puebla, Pachuca und Puerto Vallarta, sogar aus den Mennonitenkolonien im weiten nördlichen Bundesstaat Chihuahua. Einem kurzen Kennenlernen war der erste Messebesuch gefolgt, dabei hatte die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie zu ihrem Film „Bin ich schön?“ Rede und Antwort gestanden.
Zurück an der Deutschen Schule. Als Böttcher erzählt, wie er zur Slam-Poesie gekommen ist, müssen die Teenager schmunzeln: „Ich hab‘ mit einem Kumpel im Aufzug rhythmisch gegen die Wand getreten.“ Aus dem jungen Wilden ist längst ein vielbeachteter Autor geworden, Böttcher war im „Jahr der Geisteswissenschaften“ sogar „Botschafter der Sprache“. Ohne Berührungsängste sensibilisiert er die Jugendlichen für Rhythmen und Reime, steht mitten im Pulk und dirigiert zungenbrecher-verdächtige Sprechgesänge, später geht er von Tisch zu Tisch und berät die Kleingruppen.
Freudig erwartet wird auch der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer („Russendisko“, „Militärmusik“), der die PASCH-Gruppe in der Deutschen Schule besucht. Immer wieder gibt es Lacher, wenn Kaminer in seiner trockenen Art die schönsten Kapriolen des Berliner Schulalltags wie „Sponsorenläufe“ und „ökologische Wandertage“ karikiert. „Deutschland ist ja gar nicht so ernst, wie immer gesagt wird“, strahlt Sebastian vom Campus Xochimilco der Deutschen Schule Mexiko. Schnell entwickelt sich ein Gespräch über Stereotypen und Klischees, Alemania versus México. Was Kaminer Deutschland wünsche? „Etwas mehr Ausgleich aus ängstlicher Zukunftsvorsorge und Freude an der Gegenwart.“ Kaminer und seine Frau Olga lassen sich selbst nicht lange bitten: Als sie später Sowjet-Pop zur „Russendisko“ auflegen, mischen sie sich vergnügt unter das junge Tanzvolk, während dazu auf der Leinwand in endlosen Clips des sowjetischen Zeichentrickklassikers „Nu, pogodi!“ der Hase vor dem Wolf Reißaus nimmt.
Bild vergrößern
(© Copyright Dieter Jaeschke)
Vor der Abschlusspräsentation mit Gästen im Auditorium der Deutschen Schule büchst am nächsten Tag aber niemand aus: Stolz präsentieren die Jugendlichen ihre inszenierten oder besonders betonten Texte, die mal kritisch, mal witzig, mal sehr poetisch ausgefallen sind: „Die Sterne, sie scheinen wie eine Laterne. Das machen sie nur für uns, so gerne…“ Katharina Herzig, Deutschdozentin an der Universität Guadalajara: „Das ist wirklich mal ein gelungenes Beispiel, für die Schönheit der deutschen Sprache zu sensibilisieren.“
Link zu den Hörtexten der Abschlussproduktion:
http://pair.com/tegernh/guadalajara_2011
Copyright Dieter Jaeschke, ZfA, Mexiko-Stadt